Nachruf

Christian Döbereiner

Gedenkworte zum 1. Todestag am 14. Januar 1962 im Bayerischen Rundfunk, 2. Programm, Donnerstag 15. März 1962, 17:10-17:50

Verehrte Hörerinnen und Hörer!

Wenn uns heute der zarte Klang der Viola da Gamba wieder so vertraut geworden ist wie den Zeitgenossen Dietrich Buxtehudes und Johann SebastBrücken am Flussian Bachs, so ist dies das Verdienst Christian Döbereiners. Sein Wirken als Wiedererwecker des alten sechssaitigen Instruments und der Alten Musik in ihrer originalen Klanggestalt ist in das Buch der Musikgeschichte eingegangen. Nicht so, als ob das halbe Jahrhundert seiner tätigen Künstlerschaft ein toter Historismus wäre. Denn die Anregungen, die Christian Döbereiner gab, leben kräftig fort. Nur sein Spiel ist verstummt.

Seit über einem Jahr ist die hohe ungebeugte Gestalt des fast Siebenundachtzigjährigen aus dem Münchener Konzertleben verschwunden. Als er am 14. Januar 1961 die gütigen Augen, die hinter den Brillengläsern schalkhaft blitzen konnten, für immer schloss, trauerten viele Tausende aus aller Welt um ihn, um den Künstler, dessen Gesicht sich bis zuletzt im selbstvergessenen Spiel lächelnd verklären konnte, und um den Menschen, dessen altväterlicher Stehkragen ebenso stadtbekannt war wie sein unversieglicher, zuweilen etwas skurriler und hintergründiger Humor. Diese liebenswürdige Eigenschaft teilte er mit seinem grossen Landsmann Jean Paul, der ja auch aus der kleinen Stadt Wunsiedel im Fichtelgebirge stammt.

Der kleine Christian, der am 2. April 1874 als Sohn des Wunsiedler Stadtmusikus Johann Döbereiner zur Welt kam, war ein echter Abkömmling der mittelalterlichen Stadtpfeifer. Seine Wiege stand in einem luftigen Turmgemach der Stadtkirche, da der Vater nach alter Zunftsitte auch das Amt des Stadttürmers mit Glockenläuten, nächtlicher Turmwache und Choralblasen zu versehen hatte. Der Stadtmusikus bildete in seinem "Wundsiedler Konservatorium", wie die Stadtpfeiferei mit anerkennendem Spott genannt wurde, Lehrlinge und Gesellen aus, von denen die meisten Militärmusiker wurden, manche aber auch als Tubabläser und Kontrabassisten in Hoforchestern unterkamen. Christian wirkte schon mit zwölf Jahren als Geiger in der Stadtkapelle und als Trompeter bei der Turmmusik mit.

So vielseitig ausgerüstet ging er im Jahre 1889 an die Münchener Akademie der Tonkunst, wo er die Kunst des Violoncellospiels lernte, daneben Klavier, Orgel und Chorgesang studierte, und bei Joseph Rheinberger Kontrapunkt und Komposition hörte. Als ihn sein Lehrer Joseph Werner auf die herrliche von Joachim Tielke gefertigte Viola da Gamba im Nationalmuseum aufmerksam machte, war Döbereiners Lebensziel bestimmt. Zwar ging er als Violoncellist in das Bayerische Hoforchester, war Professor des Konservatoriums in Athen, wurde dann königlicher Hofmusiker und später sogar Kammermusiker.

Aber seine Liebe gehörte der Alten Musik, für die er in Kollegenkreisen damals noch wenig Verständnis fand. Oft musste er sich als "Bach Schreck" und als "Bach Stelze" verspotten lassen. Er ging unbeirrt seinen Weg. Zusammen mit Ernst Bodenstein gründete er im Jahre 1905 eine Vereinigung für Alte Musik, deren Ziel die stilgetreu Wiedergabe der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts auf originalen Instrumenten war. Karl Mändler baute sein erstes Cembalo für Döbereiners Kreis. Bei der ersten ungekürzten Aufführung der Matthäus-Passion im Jahr 1907 unter Felix Mottl kam erstmalig das zarte Kolorit der Viola da Gamba zu öffentlicher Geltung. Die Welt wurde langsam aufmerksam auf den Solisten Christian Döbereiner, der die alte Gambenmusik zu klingendem Leben erweckte, auf den Dirigenten, der seit 1915 die Werke Bachs und seiner Zeitgenossen in durchsichtiger, kammermusikalischer Besetzung aufführte, und auf den Schriftsteller, der im Bach-Jahrbuch und in zahlreichen Sonderschriften seine Ideen mit Wissen und Wagemut verteidigte. Zum ersten Mal nach Bachs Zeit erklangen unter seiner Leitung die Brandenburgischen Konzerte, die Konzerte für drei und vier Cembali und die Kantaten in Originalbesetzung.

Mit dem Viola d´amore-Spieler Anton Huber und der Cembalistin Li Stadelmann, der Nachfolgerin von Elfriede Schunck, bildete er ein Trio für Alte Musik, das Vorbild für alle späteren Vereinigungen dieser Art wurde. Unter Hermann Wolfgang von Waltershausen führte die Akademie der Tonkunst in München als erste Hochschule das Fach "Alte Instrumente und alte Kammermusik" ein. Solche Erfolge waren Höhepunkte in Christian Döbereiners Leben, nur noch überboten von den grossen Bach-Festen in München, Nürnberg und Leipzig, denen er das künstlerische Gepräge gab. Seine unfassende und tiefgehende Kenntnis alter Aufführungspraxis setzte er als Dirigent des Münchner Bach-Vereins in klingendes Leben um. Wie ihn die Viola da Gamba zu den Meistern um Bach führte, so brachte ihm das Baryton den jungen Haydn nahe.

Karl Friedrich Abel war mit Goethe zu reden "der letzte Musiker, welcher die Gambe mit Glück und Beifall behandelte". Hier irrt Goethe in doppeltem Sinne. Christian Döbereiner wurde nach mehr als hundert Jahren Abels Nachfolger. Aber auch er ist nicht der Letzte. Er ist der Anreger einer Renaissance, der die Alte Musik auch nach seinem Tode fortzeugendes Leben verdankt.


Dr. Alfons Ott

Letzte Aktualisierung: 28.09.2004
© Klaus Döbereiner, München